1. Entstehung und Entwicklung des Alten Testamentes verweisen auf ein Wort: Vernunft allen Werdens

Das Interesse am Alten Testament ist groß. Die Zeit es als altjüdische Lehre abzutun, die durch das Neue Testament erledigt wäre, ist vorbei. Tag für Tag erscheinen neue Werke, die sich mit Text- oder historischer Kritik auseinandersetzen, die hohe Theologie beschreiben, die bei den alte menschlichen Gottesbilder anprangernden Prophetenbüchern und der Tora zu lesen ist. Oder die Psalmen – die neben den Propheten einen Großteil des Neuen Testamentes ausmachen – auf wissenschaftliche Weise als großartige Weisheit antiker Weltvorstellung deuten. Auch wenn das wachsende Wissen verarbeitet wird, so steht die notwendige Konsequenz in Bezug auf das Wesen des Neuen Testamentes, das Jesus war, noch aus. Denn reicht es, die historischen Hintergründe der Geschichten auf neue Weise zu erkennen, ihre großartige monotheistische Theologie vom Unsagbaren/Namenlosen schöpferischen Grund bzw. dem im Werden verstanden Wort zu entschlüsseln und dann zu denken, das alles sei auf einen Wanderprediger als menschlichen Gott übertragen, diesem in den Mund gelegt worden, weil man ihn für einen Messias bzw. die Neufüllung des Alten hielt?

Was soll das wachsende Wissen, alle archäologisch-geschichtliche, wie vielfältige theologische Forschung und alle neuen Erkenntnisse, wenn es beim Wesen des Neuen Testamentes „beim Alten“ bleibt? Nein noch schlimmer: Es wird ja nicht nur ein Aufwärmen des Alten Testamentes in einem jungen Guru unterstellt, auf den Titel, Geschichten… übertragen und dem Texte in den Mund gelegt wurden, um aus ihm einen Gott zu machen. Vielmehr wird so in dem, was die Erfüllung/Neubegründung des Alten gewesen sein soll, genau der Vernunft/dem Wort Widersprochen und der Verstand dessen verhindert, was man als Theologiegehalt der bildlosen jüdisch-prophetischen Wort-/Weisheits-Tradition nachweist.

Was bringt es, wenn der Sinngehalt des Alten Testamentes erforscht wird oder die geformte Intertextualität der Sammlung, die Beziehung des biblischen Monotheismus mit den Kulturen der Zeit und die Abwesenheit bzw. Veränderung schöpferischer Präsenz in der Entwicklung weisheitlicher jüdischer Tradition (ohne dass dabei noch von Eingebungen an Einzelgestalten oder einmarschierten Engeln ausgegangen wird)? Denn wenn man ähnliches dem Neuen Testament im Namen Jesus unterstellt, scheint alles Wissen umsonst gegeben.

Wie kann man den Facettenreichtum des jüdischen Glaubens in einer langen Entstehung nachweisen, die Bedeutung der Mystik und menschlicher Bilder einer neu wahrgenommenen schöpferischen Wirklichkeit und dann in einem göttlichen Wanderprediger das alles als erfüllt oder jetzt neu begründet sehen wollen?

Ja selbst wenn die Texte heute feministisch vergewaltigt werden, kann Mann und Frau noch was lernen: Dass damals vernünftig gedacht wurde, wenn die männlichen oder weiblichen Begriffe für schöpferische Attribute, die Weisheit, das Wort oder den sprechenden, aber sonst unsagbaren Herrn gebraucht wurden. Mit einem jungen Juden, der Gott sein soll oder als dessen Sohn zu gelten hat oder selbst als Herr verstanden wurde, kann all das nichts zu tun haben.

Und wenn doch klar ist, wie zur Zeit Jesus Griechen in der Bildungsmetropole Alexandrien, inmitten neuplatonischer Logos/Vernunft-Theologie/Christologie die alten Texte in einem allegorischen Verständnis  übersetzt haben, gegen das wir uns bis heute wehren: David doch lieber zum Dorfhäuptling gemacht wird, als ihn als Weisheit zu bedenken oder Moses als Arbeiterführer, statt als Modell des sich wandelnden Monotheismus aus antiken Hochkulturen. Wird es da nicht Zeit, auch auf neue Weise über den nachzudenken, der den griechischen Verfassern mehr galt als Moses und vom Stamme Davids war?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auch wenn die jüdischen Aufstandsbewegungen bzw. die kulturellen Auseinandersetzung mit Hellenismus und Kaiserkult in den Zeiten nachgeblättert werden, in denen ein Großteil der alttestamentlichen Literatur erst entstanden ist und gleichzeitig das Verhältnis von Jesja- oder Eliaüberlieferugen bzw. prophetischen Denkens mit Jesus in Verbindung gebracht wird, der als Erneuerung des Alten galt und gleichzeitig auch mit Lehrthemen der Stoa und des Neuplatonismus in Verbindung gebracht wird.  Muss dann nicht neben Jesus auch Paulus aus echt neuer Perspektive betrachtet werden. Als ein neues von lebendiger Vernunft die Josua/gr. Jesus war, ausgehendes Paradigma, statt nur über die Halluzinationen eines vom Pferd gefallenen Sektenverfolgers nachzudenken, der so zum Wendepharisäer wurde?

Weder die Entstehung des Monotheismus, noch die des Alten Testamentes lässt sich heute durch nächtliche Eingebungen, Halluzinationen und geheimnisvolle himmlische Stimmen an alte Männer oder ähnlich wundersames Geschehen erklären. Vielmehr wird eine ganz natürliche kulturgeschichtliche Entwicklung vorausgesetzt, bei der alte Mythen aufgegriffen wurden, um dem bildlosen Glaube eine Geschichte zu geben, theologische Sachverhalte und Geschehnisse zeitgemäß zu vermitteln.

Weder die Geschichten, noch die Gründergestalten werden in heutiger Wissenschaft auf wörtliche Weise gelesen. Längst ist klar, dass die Menschheit nicht von einem Adam stammt, aus dessen Rippe die Frau gezaubert wurde. Kein Mann mit Namen Abraham war der Erfinder des Monotheismus, gleichwohl diese Mythengestalt sicher zurecht weiter als Urvater der monotheistischen Geschwisterreligionen gilt. Auch David, als dessen neue Gestalt das Neue Testament Jesus vorstellt, kann aufgrund archäologischer Erkenntnisse nicht mehr als der beschriebene Großkönig und Tempelbauer gesehen werden, sondern wird entweder zum unbedeutenden Dorfhäuptling oder muss als Personifizierung königlicher Weisheit gedacht werden, wie sie dem jüdischen Glauben zugrunde liegt. Und auch Moses, als dessen Nachfahre und Erneuerung ebenso Jesus gilt und dessen Mehrwert theologisch diskutiert wurde,  gilt nicht mehr als Verfasser der nach ihm benannten Schriften oder als großer Volksbefreier, der bei der Flucht das Meer teilte, weitere Wunder vollbrachte und anschließend seine Lebensstorys aufschrieb. Vielmehr wird mit Moses meist die Personifizierung der Geschichte des sich wandelnden Monotheismus verbunden, etwa die Gedächtnisspur Eschnatons, wie sie der Ägyptologe Assmann beschreibt. Und auch dass es bei Josua, dem Namensvetter (lt. Kirchenväter –geber) Jesus, nicht um den beschriebenen einen blutigen Eroberer ging, der mit Posaunen die Mauern von Jericho stürmte und Frauen und Kinder schlachtet, sondern die Landnahme nicht mehr geografisch zu verstehen ist, wie bisher gedacht, wird immer klarer.  (theologie-der-vernunft.de: „Landnahme des Logos“ oder wie sich der Verstand des schöpferischen Wortes verbreitete, gleichwohl der bildlose jüd. Monotheismus im Exil blieb.)

Selbst die Prophetengeschichten, an die das Neue Testament anknüpft, sind nach wissenschaftlicher Sicht nicht das Werk von Jesaja, Esra oder Nehemia. Sie wurden im Namen der Propheten in der Zeit Jesus oder nur wenige Jahrhunderte vorher, damit in Zeiten des Hellenismus bzw. in Auseinandersetzung damit, von philosophischen jüdischen Schulen verfasst. D.h. dahinter liegen Denkprozesse, theologische Debatten, die in Zeiten kultureller Auseinandersetzung im Sinne der Propheten geschichtsrelevante Sachverhalte über die Weisheit des bildlosen Monotheismus berichten wollten. Die menschlichen Gottheiten bzw. Götzenbilder wurden für die Probleme der Zeit verantwortlich gemacht.

Wie schwer wir uns mit der Wende vom Buchstabenglaube und menschlichen Göttern zum lebendigen Wort tun, wird beispielsweise in einer „Welt und Umwelt der Bibel“ zum Thema Salomo vor Augen geführt. Dort machen Wissenschaftler in verschiedenen Beiträgen deutlich, wie Salomo nicht mehr als historischer Großkönig, sondern etwa als Projektionsfläche für die jüdische Weisheitslehre auf dem Weg des monotheistischen Verständnisses zu versehen ist. Daher die biblische Salomogeschichte keine Fälschung ist, sondern es aufgrund heute gegebenen historisch-archäologischen Wissens falsch wäre, sie weiter als historische Schilderung im bisherigen Sinne zu lesen.  Wenn aber in einem letzten Beitrag über biblische Archäologie ein letzter und mit Sicherheit vergeblicher Versuch geschildert wird, der durch Ausgrabungen angeblich doch erweisen soll „ob die Bibel recht hat in ihren Aussagen über das Großreich Davids und Salomos“. Dann wird damit deutlich, wie schwer wir uns mit der Wahrheit tun, die dem Glaube zugrunde liegt.

Auch an der Siftflutgeschicht, die möglicherweise genau diese Problematik und den damit verbundenen Abfall (von schöpferischer Relalität/Wirklichkeit) beinhaltet, verdeutlicht sich der Zwiespalt im heutigen Verständnis. Auch wenn doch längst klar ist, dass diese biblische Geschichte keine reale Begebenheit berichtet (auch wenn ich mich an einen Buchstabenkreationisten erinnere, der mir und meinem inzwischen biologisch ausgebildeten Sohn in Landau kleinwüchsige Tiere erklärten wollte, damit sie alle auf Noahs Kahn passten) so titelte das Aufklärungsorgan „Hat die Bibel doch recht“, weil in der Türkei ein Stück Holz gefunden wurde. Hier SPIEGELT sich die Problematik unserer Zeit, die eigentlich gegen besseres Wissen an buchstäblichen Vorstellungen festhält. Während allgemein gilt, dass hier ein Mythos aufgegriffen wurde, der aus verschiedenen Kulturen bekannt ist, wird im Kurz-schluss der (Halb)Aufklärung ein Holzbrett der angeblichen Arche als Beleg für die Wahrheit der Bibel hingestellt. Was die anfänglichen Theologen bewegte, diesen Mythos von der Arche, griechisch den Ursachen/dem Ursächlichen/Urpinzip/anfänglichen Denken aufzugreifen, wird dann nicht bedacht.  Dabei müsste doch längst klar sein, dass die rettende Arche kein Holzschiff war. Sie vielmehr (wie in der Theologie Platons verwendet) eine Re-form, ein Rückbezug zu den zeitlichen Anfängen, den Urprinzipien/-sachen allen Werdens/wie Glaubens bzw. ursächlichen Anfängen des monotheistischen Kultes ausmachen. An die in der biblischen Geschichte, der ewigen Reise nach Jerusalem im Rahmen des bildlosen und dann doch immer wieder menschliche Vorstellungen als Gottesbilder vergötzenden Monotheismus zeitgemäß angeknüpft wurde.    

Aber allein sich die Entstehungsgeschichte und heute wieder allegorisch zu verstehenden Inhalte des Alten Testamentes vor Augen zu führen müsste eigentlich genügen, um auch die Geschichte Jesus nicht mehr als Story von einem besserwisserischen Junghandwerker als Gottesbild zu lesen. Einem wundertätigen Exorzisten mit Namen Jesus, der – was ja dann noch der Gipfel von Unmöglichen ist - von hellenistisch-jüdischen Theologen, die die Erneuerung bzw. wahres Judentums sein wollten, sich so verstanden,  als menschlicher Gott oder Gottmensch gesehen worden sei.

Wie aber sollen griechisch-philosophisch gebildete Theologen in Zeiten der Vernunftdefinition, deren Handwerk eine allegorische Auslegung der Traditionstexte nicht nur in Alexandrien war, wie sie heute erst wieder Praxis ist, die Story von einem Junghandwerker als Heilsgeschichte geschrieben, in diesem gar die Erfüllung gesehen haben. Wie sollen Denker, die die menschlichen Gottheiten im Sinne der Propheten für die Probleme der Zeit verantwortlich machten, einen jungen Juden vergottet und in dessen Mund hochtheologischen Inhalte hineingelegt haben, wie sie in jedem der täglich erscheinenden Werke heute nachzulesen sind?  

Wer betrachtet, wie die Texte des Alten Testamentes von Griechen, die von jüdischer, in Psalmen oder Logien vermittelter Weisheit bzw. dem bildlosen Monotheismus begeistert waren aufgegriffen wurden und wie auf theologisch-kreative Weise an alte Traditionen angeknüpft, diese bzw. deren Inhalte als theologisch erfüllt gesehen wurden, der kann doch nicht weiter nur einen Wanderprediger und dessen Vergöttlichung ins religiöse Rennen schicken wollen.  Philosophisch gebildeten griechischen Denkern, denen die Vernunftdefinitionen der Zeit bewusst waren und die die allegorisch verstandene jüdische Tradition in ihrer Theologie vom lebendigen Wort aufgriffen, einen Wanderprediger bzw. dessen Vergottung unterstellen zu wollten, ist  nicht schon bösartig? 

Auch Neutestamentler, die wie gelernt und ihr Leben lang gelehrt,  weiter nur einen jungen Steuerrebellen sehen wollen, gleichwohl sie Sonntags frisch und fromm vom Gottessohn oder dem lebendigen Wort predigen, können doch bei all dem, was sie selbst über die Anfänge, die Entstehung und Inhalte des als erfüllt gesehen Alten Testamentes und das damalige Denken offenlegen, eine solche Sonntagspredigt der damaligen Zeit nicht einfach weiter unterstellen.

Die in Kulturgeschichte nachweisliche Wende, zu der die Neubegründung des bildlosen Monotheismus ebenso gehörte, wie das aufgeklärte Verständnis der griechischen Göttersöhne, lässt sich nur in Vernunft erklären. Einer in anfänglicher Wissenschaft begründete vernünftigen Welterklärung bzw. Logos-/Vernunftlehre, die damals nicht nur philosophisches Thema war, sondern selbst bei Platon theologisch den Ton angab. Die nicht nur Paulus bzw. das neue monotheistisch-theologische Paradigma beeinflusste, sondern Grundlage der gesamten Christologie war, wie sie selbst bei den Synoptikern inzwischen deutlich gemacht wird, diesen vorausging.

Selbst Kabbala verweist auf Vernunft

Weder christlich-gnostische Lehren, noch die jüdische Kabbala können als christliches Vorbild dienen. Doch sie machen nicht nur deutlich, wie notwendig die kulturbekannte Ausdrucksweise der Vernunft war, sondern wie aberwitzig es wäre, den an als Grund christlichen Glaubens an den Anfang stellen zu wollen, der heute als geschichtlich gilt.

Gnostische Geheimniskrämerei war ebenso wie die Geheimlehre der Kabbala, die auf überlieferte Texte der Tradition baut, wahrscheinlich das schiere Gegenteil von dem, was christlicher Glaube, lebendiges Wort war.   Doch wir wissen, dass in diesem Denkmilieu, das sich durchaus platonisch-philosophischer Vernunft-Erklärungen bediente und gedanklich auf der Suche nach Weisheit war, die den Menschen in der Welt verankerte und in Beziehung zu einer schöpferischen Ordnung setzte, der christliche Glaube erwachsen ist. Wie diese Lehren in anfänglicher Christenheit, bei aller Abgrenzung, bedeutend blieben. Daher ist es allein bei Betrachtung der kabbalistischen Lehre völlig absurd, einen jungen Heilsprediger, der als Gott gesehen oder nach seiner Wiedererweckung hellenisiert/christologisiert wurde, als historischen Grund des christlichen Glaubens anzunehmen. Allein schon die anfängliche Auseinandersetzung mit solchen Geheimlehren, die geschichtlich war, wäre von einem Wundertäter als Offenbarer aus undenkbar.

Die Lehren der Kabbala sind so wenig, wie die das Pendel oder das Kartenlesen der Esoteriker, mit dem christlichen Glauben in Verbindung zu bringen. Doch wer die Grundlagen der Geheimlehren mit Vernunft betrachtet, der kann z.B. der „Entsprechung von Oben und Unten“ durchaus was abgewinnen. Denn, dass wir uns im irdischen Mikrokosmos am ökologischen Makrokosmos orientieren müssen, ist keine Geheimsache mehr, war Thema von Benedikt XVI. vor dem Bundestag. Die elementare Verflechtung des Menschen in einer universalen Ordnung bedarf keines Weltbaumes mehr, wie er in der Kabbala als systematisches Schaubild deutlich gemacht wurde.  Und auch dass sich der Mensch beschränken, Techniken entwickeln muss, um das gewohnte Alltags-Ich in einer universalen Ordnung, Weisheit zu unterstellen,   hat nichts mehr mit Geheimniskrämerei zu tun.

Doch was diese okkult bleibenden (philosophisches Denken esoterisch verarbeitende) kosmologischen Spekulationen, die das Denken der Zeitenwende mitbestimmten und nicht nur bei den Katharern Südfrankreichs im Christentum lebendig blieben, mit einem Wanderprediger als Offenbarung/lebendiges Gesetz zu tun haben, das muss man erst mal der Welt erklären.  Denn wo man wie auch in allen anderen Denkformen am Anfang unseres christlichen Glaubens auf mehr oder weniger spekulativ-geheimnisvoll wissenschaftliche Weise über den Ursprung des Menschen und dessen Ziel im Leben Gedanken machte, da ist für den Wanderguru, der heute als Grund christlichen Glaubens durch Galiäa gejagt wird, nicht der geringste Platz.