Argumentation:

1.      Der Kurz-schluss des Gut-/Gottmenschen verlangt nach neuen Schlüssen

Wer beim Anschließen der Steckdose die falschen Drähte zusammenklemmte oder sonst wie einen Kurzschluss erzeugte, der hat was gelernt. So geht es nicht. Er muss es auf neue Weise probieren. Und daher ist das banale Jesusbild, das heute aus den Texten herausgelesen und neben das dort beschriebene geheimnisvolle Offenbarungswesen gestellt wird, an das kaum noch dessen Lehrer glauben, nicht zu verdammen. Es zwingt zu neuen Schlüssen.

Oder so: Der Prozess der Kultur scheint wie ein Körper. Es wird Nahrung aufgenommen, umgesetzt, verdaut und ausgeschieden. Doch wer die gegen den Himmel stinkenden Notdürftigkeiten betrachtet, die bei heutiger Historienhypothese hinten herauskommen, der kann diese nicht weiter für die ursprüngliche Nahrung halten. 

1.1.            Aufgeklärte Frage nach historischen Jesus geht vom Logos, statt Mythos aus

Ebenso wenig wie die heutigen Denker bereits sind, einen frommen Mythos alter Lehren oder religiösen Rattenfänger anzuhimmeln, ihn als die offenbare Wahrheit, Grund des monotheistischen Glaubens sehen würden, kann dies weiter dem Anfang unterstellt werden. Die echt neue Frage (quest) der Jesusforschung kann nicht weiter die Suche nach den sozialen Hintergründen zur Mythologisierung/Hellenisierung eines Heilspredigers sein oder was zu dessen Halluzinationen geführt hätte. (Was derzeit als Paradigmenwechsel in der Jesusforschung  bezeichnet wird.) Das heute vorhandene Wissen um das anfängliche Denken und die kulturellen Umwälzungen zwingt zu einer neuen Epoche. Die weder das historische, noch das hoheitliche Wesen Jesus verneint  (nur als Hellenisierung/Christianisierung betrachtet), sondern die Heilswirkung bzw. Bedeutungsaussagen in aufgeklärter Weise belegt.

Nachdem bereits die ersten Jesusforscher wie Samuel Reimarus (1694-1768) Jesus ins Judentum seiner Zeit zurückholten und heute immer klarer wird, dass die Urchristen wahre Juden eines neuen Bundes in antiker Aufklärung sein wollten, gilt es nach dem Wort (der Vernunft allen Werdens) zu fragen, das für die Juden galt. Ein unaufgestandener Wanderprediger, wie ihn bereits Präsident Thomas Jefferson, der Autor der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, aus den synoptischen Evangelien herausfilderte, um vom Aberglaube zu reinigen, kann es nicht gewesen sein. Dessen Herrlichkeit greift zu kurz. Ebenso ein Logos-Mythos, der zu einem Menschen mutierte, wie bisher die Radikalkritik unterstellte.

Das hoheitliche Wesen, das bei Hegels Dialektik und dem deutschen Idealismus noch mystisch bleiben musste und auch der als Anfang der neuzeitlichen Jesusforschung geltende David Friedrich Strauß als „Idee der Gottmenschlichkeit“  bzw. ewig philosophischen Wahrheit suchte, lässt sich in der historischen Person (Rolle/Aufgabe) Jesus, wie in heutiger Welterklärung realisieren.

Nicht nach dem u.a. auch von Ernest Renan besonders moralischen Gutmenschen, sondern dem Motiv, das bereits Adolf von Harnack im Alten Testament nachblätterte, muss nach heutigem Wissen gefragt werden. Auch wenn  die Forscher von Harnack bis Martin Hengel, der den hellenistischen Hintergrund Jesusverdeutlichte, keine Zweifel an einem Zweibeiner hatten. Sie haben deutlich gemacht, dass dessen Herrlichkeit nicht sein kann. Weder im Sinne des Alten Testamentes, noch des Hellenismus.

1.2.            Statt den historischen Jesus verneinen, ihn heute verstehen

Wenn, wie bereits die holländischen Radikalkritiker oder Bruno Bauer und Arthur Drews deutlich machten, sämtliche Hoheitstitel für Jesus aus jüdischer und hellenistischer Mythologie übernommen wurden. Dann ist heute die Zeit den vormaligen Mythos, in dem auch die Radikalkritiker den historischen Jesus stehen ließen, in Vernunft zu erklären und diese heute zu vergegenwärtigen. Nicht weiter die historische Existenz Jesus zu verneinen oder  zum „Christusmythos“ werden zu lassen, den letztlich nun auch Berger gegenüber den „Bibelfälschern“ bewahren will.

Bereits die Radikalkritik wollte die ewige Wahrheit als Wesen hinter der biblischen Jesusgestalt verdeutlichen. Der der Logos, den der holländische Neutestamentler Gustav Adolf an den Bergh van Eysinga bereits nicht nur hinter der Gestalt Jesus, sondern auch der philosophischen Vernunftgestalt Heraklits bei Seneca deutlich machte, ist kein  Gottesmythos bzw. Kunstprodukt. Er ist im kreativen Weltgeschehen nach wissenschaftlicher Weltbeschreibung ebenso zu verdeutlichen, wie die Heilswirkung, die von seinem Verstand als ewiges Wort in der bekannten Person ausgingen. Wie später noch deutlich gemacht wird,  hat die Radikalkritik bereits die geschichtliche Wahrheit weitgehend klar gemacht: Am Anfang war kein junger Jude und seine Verfolger oder Anhänger, sondern vielfältige gnostische Lehren, die vom gleichen Logos ausgingen, der von den Griechen wissenschaftlich definiert wurde, den Juden als Wort, ewige Weisheit galt. Doch auch bei ihr war das Bild des wanderpredigenden Jesus so vorgegeben, dass nur an der Existenz eines historischen Jesus gezweifelt wurde, statt diese in neuer Weise nachzuweisen. Dabei  wird gerade auch in der Geschichtsaufarbeitung der Radikalkritik deutlich, welche Heilsbedeutung die klare, kulturgerechte Ausdruckweise von Mutter Kirche bzw. dem Kanon gegenüber den vielfältig, verworrenen und sich verflüchtigen  Vernunftlehren der Zeit hatte.  Und wer ständig den Bezug zur griechischen Lehre belegt, der macht deutlich, dass es bei der Logos-/Vernunftlehre nicht um ein fiktives spirituelle Gottesersatz-Konstrukt der Kirche oder Mythos des blindfrommen Glaubens ging, wie die Radikalkritik noch weitgehend unterstellte, sondern schöpferische Realität im Weltgeschehen: Warum im historischen Jesus bzw. der kulturgerechten Ausdrucksweise der Vernunft echte Offenbarung in Weltwirklichkeit war.

1.3.            Seit Alber Schweizer fährt der Zug in falsche Richtung

Wenn dann bereits Albert Schweizer die liberal-banale Leben-Jesus-Forschung widerlegte und zeigte, wie die Verfasser der Jesusvorstellungen nur ihre  menschlichen Ideale in die Texte hineinprojizieren. Wie können wir da weiter im Zug in die falsche Richtung fahren, nur weil es so schön warm ums Herz ist bzw. die Hypothese des verherrlichten (kath. herrlichen) Heilspredigers im ersten Semester des Theologiestudiums vorausgesetzt wurde?

Wo auch Bultmann dann das Judentum zu den „Voraussetzungen“ des christlichen „Kerygmas“ (der Botschaft) erklärt, können Johannes, Paulus & Co. nicht ins Mystisch-Gnostische abtriften, wie Radikalkritik nachweisen wollte. Auch nicht nur eine vom historischen Jesus unabhängige mythologische Botschaft bleiben.

Jesus hat gelebt. Die Verfasser haben sich nicht geirrt oder nur die nicht in Erfüllung gegangene Hoffnung der Armen aufgeschrieben, die weiter ihr banales Bild bewahren, heute wissenschaftlich beschreiben wollen. Die „Degradierung“ Jesus auf einen Gutmenschen oder Glaubensmythos, wie sie das amerikanische Jesusseminar im Stile Jeffersons betreibt wird dabei dem heutigen Wissen ebenso wenig gerecht, wie im Stile Bergers nur buchstäblich ein göttliches Wesen als einen dogmatischen Mythos bewahren zu wollen. Gerade der als „Auferstehungsleugner“ bekannt gewordene (weil artikuliert, was andere nur denken) Gerd Lüdemann, der dem ernsthaft forschenden Seminar angehört und der ein guter Kenner der Gnosis ist, müsste es wissen:  Um den, der bei der zweimal im Jahr tagenden Forschung hinterfragt wird, ist es keiner der vielfältigen urchristlichen Bewegungen, die in ihrer Vielfalt ein schöpferische noch sehr verworren und sich daher verflüchtigendes Wesen philosophisch begründen, nicht gegangen. Auch wenn sich nachweisen lässt, warum vielfältige gnostische Spekulationen, die sich gegenseitig bekämpften und verflüchtigten, falsche Wege waren. Die gesamte gnostische Erkenntnis, wie sie am Anfang der Christenheit auszumachen ist, entspringt nicht dem menschlichen Kopf oder gar einem jungen Guru. Sie gründet auf Vernunft-/Weltrealität, die heute nur in besserer Weise wissenschaftlich erklärt wird.

1.4.            Kritik an Papstbüchern zwingt zum neuen Paradigma


Dass aber auch die biblischen Bücher nicht von dem Wesen handeln, das heute als von allen Wundern befreiter, angeblich nur durch alte Texte verherrlichter Gutmensch durch die Bücherlandschaft und Hochschullehre gejagt wird, wurde gerade durch die Jesus-Bücher Benedikts XVI. bzw. die sich anschließende Diskussion deutlich. Wenn von einem neuen Paradigma der Jesusforschung gesprochen werden kann, dann haben die Papstbücher und die Antworten die Tür geöffnet, zwingen den Logos/das lebendige Wort wieder an den Anfang zu stellen.

Während die historische Kritik den Vorwurf machte, der Papst hätte sich nicht an das gehalten, was  sie vorlegt, keine Antworten gegeben, hat sie Seite für Seite klar gemacht, dass ihre Forschung nur Halbaufklärung ist, die biblische Geschichte von einem ganz anderen Wesen handelt, als das von ihr verkürzte. Wenn die unzähligen Bücher mit der  von Prof. Ratzinger herausgeforderte wissenschaftliche Diskussion keine Papierverschwendung sein sollen, dann kann unmöglich weiter – auch wenn Benedikt XVI. davon schrieb und ausgeht bzw. darin die Welt im Glauben lässt – weiter nur ein einfacher Wanderprediger als historisches Wesen Jesus hinterfragt werden. In allen Bezugnahmen auf die Papstbücher, von Lüdemann, über neutestamentliche Lehre heutiger Lesart, bis zur kath.-dogmatischen Beipflichtung bezüglich der Heilsaussagen und des einzigartig-hoheitlichen  Jesuswesens wurde klar: Die biblische Geschichte handelt nicht von dem, der im Kopf der Halbaufklärung herumgeistert und dann nur ein göttlicher Mythos bleibt. Wer dem Papst vorwirft, er hätte sich nicht an den historischen Jesus, sondern den biblischen gehalten, der macht deutlich: Der biblische und historische Jesus ist die Vernunft in der bekannten Person, deren Bedeutung Benedikt XVI.  in seinen Jesusbüchern nachblättert. Die Vernunft, die er als mit Verstand einsehbares Wesen des christlichen Glaubens im Weiterdenken griechischer Wissenschaft belegt und nun in ökologischer bzw. rationaler Welterklärung zu bedenken gab.

Wem klar ist, dass es am Anfang um ein hoheitliches Wesen ging, der kann so wenig wie bei Rotkäppchen, nach einem kleinen Mädchen fragen und nach der roten Mütze graben, hier Belege für die Wahrheit herleiten wollen. Die Bibel ist kein Märchenbuch. Wobei auch Märchen weit mehr sind, als rein zufällige  Erfindungen, romanhafte Unterhaltung. Gleichwohl sie keine banalhistorische Grundlage haben, bei der Mutter Geiß den Bauch eines Wolfes bearbeitet oder ein Prinz eine junge Frau nach jahrelangem Schlaf (evtl. einem Koma) wachküsst, wird Dornröschen als märchenhafte Brundhilde oder in der Volkshochsuche über den Sinn der Erzählungen nachgedacht.

Sind nicht Neutestamentler, die doch genau wissen, dass es im frühen Christentum, wie in den Texten um ein hoheitliches Wesen geht, vergleichbar mit einem Märchenerzähler, der seinen Zuhörern vermittelt, dass Rotkäppchen die ausgeschmückte Story von klein Emma war, die eine rote Mütze hatte? Nein, noch schlimmer. Währen ein Teil beschreibt, warum das mit dem den sieben Geißlein im Bauch eines Wolfes nicht stimmen kann, warum das dem Wolf nur angedichtet wurde, sind andere bemüht, die Möglichkeit der Quatersteine begründen.