1.      Wahre Juden haben keinen Menschen vergöttert

Es gibt viele Gründe, die es völlig ausschließen, dass am Anfang des christlichen Glaubens ein junger Jude stand und dann in der Weise vergöttert wurde, wie es heute gelehrt und wissenschaftlich untersucht wird.

1.1.            Keine Religion kann auf einen Menschen gründen  

So ist es ja für den Monotheismus völlig unerheblich, ob ein Echnaton, Moses, David, Dareios oder Zarathustra gelebt, geschrieben und wie er gewirkt hat. Es kommt vielmehr auf einen mit diesen Namen verbundenen Denkprozess in Realgeschichte an,  bei dem das nach jeweiligem Weltbild wahrgenommene Weltganze, in das der Mensch mit der vernünftigen Unterscheidung zwischen Gut und Bös eingebunden ist. Doch nicht allein die Tatsache, dass der Monotheismus nicht auf einen noch so göttlichen Menschen gründen kann, sondern vielmehr ein ganzheitlich-wissenschaftliches Weltverständnis war, macht die heutige Annahme absurd. Auch das ohne menschliche Götter oder königliche Mittlergestalten auskommende namen- und bildlose Schöpfungsverständnis der Hebräer macht die heutige Hypothese unmöglich.

Denn wie sollten jüdisch-hellenistische Theologen, die keinen Gottesbegriff hatten, sondern sich auf einen Verstand des Wortes/Vernunft/Weisheit in Weltrealität beriefen, jetzt gar einen jungen jüdischen Guru als Gott gesehen oder verherrlicht haben? Ein sichtbarer Gott auf zwei Beinen, wie heute Jesus gilt, das ging nicht. Jüdischen Theologen, wie griechischen Denkern zu unterstellen, sie hätten einen jungen Juden als Offenbarung oder gar Gott selbst gesehen, das schließt sich aus.

Denker, die wahre Juden sein wollten und an jüdische Weisheitslehren bzw. prophetische Texte anknüpften, die teilweise erst in theologischen Philosophenschulen der Zeitenwende entstanden, hatten unmöglich den vor Augen, der heute als historisch gilt. Kein noch so charismatischer Reformer wäre als hoheitlich gesehen oder gar verherrlicht worden.

1.2.            Menschliche Gottespersonen wurden im Monotheismus verneint

Aber noch unmöglicher wird die derzeitige Hypothese, wenn wir bedenken, wie der prophetische und später christliche Glaube sich gerade durch die Verneinung von menschlichen Mittlergestalten vom persischen und römisch-philosophischen Monotheismus unterschied. Es war ein Wort/Vernunft-Verstand, wo weder Göttergestalten, noch menschlichen Zweibeiner als Messiaskaiser bzw. Gottesmittler galten, keine politischen Könige mehr Kultobjekte sein konnten, die vergöttert oder denen geopfert wurde. Wie soll da ein Wanderprediger als Gottesmittler/-wort oder gar Gott gesehen worden sein? Nicht nur der jüdisch-platonischen Reformtheologie (Logos/Vernunftlehre), wie wir sie im Namen Philo aus Alexandriens kennen, woran bekanntlich doch die Christologie der Kirche anknüpfte, kann unmöglich der unterstellt werden, der heute als historisch gilt.  Das wäre für das gesamte jüdisch-griechische Denken der Zeit – und noch mehr die neuen jüdische Erkenntnislehren, die zum Christentum wurden – völlig ausgeschlossen gewesen.

Man kann seine Frau vergöttern oder eine angesehene Persönlichkeit. Doch dieser Art von Gott gab es im damaligen Denken nicht. Der, der unsagbar war, mit JHWE umschrieben wird, war der undefinierbare schöpferische Grund. Mit einer menschlichen Persönlichkeit war das nicht zu machen. Auch die in griechischen Götter personifizierten Wesenheiten der Weltrealität trugen zwar menschliche Züge, gehörten jedoch zum System einer noch mythologisch bleibenden Gesamtheit. Und selbst wenn der Kaiser als göttlich gesehen wurde, dann stand er für die kosmische Ordnung, die er auf Erden verkörpern sollte. Und auch wenn im alttestamentlichen Glauben Gottesnamen gehandelt und in sehr menschlicher Weise davon gesprochen werden. Ein junger Jude als Gott, das wäre mit keinem damaligen Denken zu machen gewesen. Das schließt sich aus.

1.3.            Selbst ein Guru ist kein Gott

Mit dem manchmal polemisch für Jesus gebrauchten Begriff Guru tun wir den heutigen Anhängern von Weisheitslehren Unrecht, wenn wir unterstellen, sie würden ihren Lehrer vergöttern. Ein Guru ist ein Lehrer der Weisheit. Er ist kein Gott, sondern lehrt letztlich eine höhere Weisheit: Das, was auch für die Hebräer Weisheit bzw. das im Werden der Welt verstandene Wort war. Es müssen schon ganz ausgeflippte Groupies sein, total von der Rolle, die in ihrem Weisheits-Lehrer als Gott anhimmeln. Doch genau das wird eigentlich gegen besseres Wissen, dass es nicht sein kann, den anfänglichen Denkern unterstellt. Nicht nur von kath. Dogmatikern oder Berger, der die Gottheit Jesus von den „Bibelfälschern“ bzw. heutiger Lehre einfordern will. Auch die von Berger als Verfälschung beschuldigte Jesusdeutung, die nicht von einem Gott- sondern Gutmenschen ausgeht, unterstellt dies den anfänglichen Denker. Gleichwohl deren philosophisch-theologischer Tiefgang in täglich erscheinenden Büchern beschrieben wird. Was Allein schon deutlich machen würde, dass damals mehr gewesen sein muss, als die Verherrlichung eines jüdischen Guru.

1.4.             Juden und Griechen gingen vom Wort/Vernunft aus

Doch selbst wenn man alles Wissen um den kulturellen Kontext, den Kulturwandel, die philosophische Begründung des bildlosen Bundes oder die Herkunft des jüdisch-christlichen Monotheismus aus der Wissenschaft antiker Hochkulturen ausblendet und nach den synoptischen Texten in banal-buchstäblicher Weise weiter nur einen Wanderprediger um den See ziehen lassen will. Allein das wachsende Wissen, dass die ursprünglichen Christen keinen neuen Kult auf einen jungen Guru gründen wollten, sondern sich als die wahren Juden verstanden, macht die heutige Hypothese völlig unhaltbar. Die Entstehung einer Weltreligion aus einer Art jüdischer Sekt, die nach dem Tod ihres Gründers und dessen egal wie erfolgter Wiedererweckung diesen als Wort/Gott gesehen oder etwas konstruiert hat, wie aus dem Hintergrund heutiger Lehre und damit auch Predigt herauszuhören ist, das hat es nicht gegeben. Es ist einfach unmöglich, den damaligen Juden unterstellen zu wollen, sie hätten in derart hoheitlichen Tönen über einen Menschen gesprochen, wie wir das in den Texten des Neuen Testamentes (aber auch des Umfeldes) nachlesen können.  Genau die Texte, auf denen die einen Theologen die Hypothese vom Gut- andere die vom Gottmenschen herleiten wollen, machen Beides unmöglich. Juden hätten nie einen noch so charismatischen, gutherzigen… Menschen zu Gott erklärt, als diesen gesehen oder als Wort verherrlicht.

Auch den griechischen Theologen, denen wir die Texte des Neuen Testamentes verdanken ist unmöglich zu unterstellen, dass sie einen jungen Heilsprediger in den Himmel gehoben hätten. Doch noch absurder ist diese Vorstellung, wie sie heute „wahren Juden“ unterstellt wird. Die Juden haben zwar weltlichen Kaisern gedient und auch an die römische Obrigkeit Steuer gezahlt, wie Jesus gesagt hat. Doch war dies kein Opferkult an eine göttlich-hoheitliche Person, sondern eine Haltung aus zeitpolitischer, damit aber auch schöpferischer Vernunft. Auch die Propheten oder Moses waren als Mittler nur Sprachrohr  des schöpferischen Wortes, einer Vernunft, die Jesus verkörperte, nicht aber selbst Kultgegenstand. Wer hellenistischen Juden der Zeitenwende, ob Verfasser der vielfältigen Jesustexte oder Apologeten und Kirchenvätern unterstellt, sie hätten aus egal welchen Gründen einen jungen Juden als Offenbarer, Messias, wahren König oder gar Gott gesehen, wie dies heutige Lehre ist, der handelt gegen besseres Wissen. Nur um das kindliche Bild nicht aufgeben zu müssen.

Bei Ausblendung allen Wissens mag es ja noch hinhauen, dem mit Paulus unterzeichnenden neuen jüdischen Paradigma zu unterstellen, die Sekte eines von ihm nach seiner Wende (meist wird über eine Art Halluzination spekulierte) hoheitlich gepredigten jüdischen Guru wäre so zur Weltkirche gemacht worden. Doch eine solche Sonntagspredigt, die von einem jungen Heilsprediger nach heutiger Hochschullehre ausgeht und dann von einem Heiland oder gar einer göttlichen Gestalt predigt, ist mit keinem der anfänglichen Denker zu machen.

1.5.            Anfänglichem Denken kann keine Verherrlichungsrede unterstellt werden

Man muss sich die Texte allein eines Justin oder Origenes, aber auch aller anderen Apologeten und Kirchenväter anschauen, sich deren hochphilosophisches-theologisches Denken erklären lassen. Auch wenn die heutigen Interpreten dabei einen Heilsprediger vor Augen haben, den sie Sonntags als Gottessohn predigen bzw. der so geglaubt werden soll. Nicht allein, weil für diese wahren Juden die Vergötterung eines Menschen vom Kult her unmöglich war, ist die heutige Hypothese unmöglich. Auch das Denken und Diskutieren der philosophisch gebildeten Theologen, die sich nachweislich auf den Logos/die Vernunft beziehen, deren Wesen in durchaus unterschiedlicher Weise definieren, macht die heutige Historien-Hypothese völlig absurd.   Gerade die anfänglichen Denker, die wie Justin oder Origenes gegenüber Celsus die Notwendigkeit der menschlichen-kulturgerechten Ausdrucksweise der Vernunft betonen oder sich gegen den Doketismus wenden, sind beste Beispiele: Keinem dieser Denker ist es um den gegangen, der heute selbst von Berger als historisch hingestellt und dann bei diesem gegen die „Bibelfälscher“ gar als Gott gelten soll. (Wie erklärt sich diese Demenz?)

Heute wird klar gemacht, wie die teils verworrenen gnostischen Lehren, die heute als urchristlich gelten und ihren vielfältigen Erkenntnistheorie unterschiedliche Welterklärungen vorausschickten, untaugliche Wege zum neuen universalen Monotheismus waren. Weil in dieser verwirrenden Vielfalt  kein dauerhafter volkstauglicher/-tragender Kult zu machen war. Doch die alle bezogen sich in ihren Welterklärungs- und sich schnell wieder verflüchtigenden unterschiedlichen Erkenntnistheorien auf Jesus. Weder mit einem Gutmenschen, noch Bergers Menschengott, der mit seinen Fischerfreunden auf Tour war und große Töne spuckte, wäre auch nur eine dieser anfänglichen, sich in ihren unterschiedlichen Systemen auf Jesus berufenden Denkweisen zu machen gewesen.

Und auch Marcion, der sich weit mehr als die spätere Kirche vom Gottesbegriff des Alten Testamentes abhob und damit auch als Erfinder eines neuen Kanons gilt (dem dann die vorher sich nur auf das Alte Testament berufende Kirche, ihren gegenüber stellte), weiter zu unterstellen, es wäre ihm um den gegangen, der heute als historisch gilt, ist unhaltbar. Selbst wenn Marcion heute als Doketist gilt, der auch daher von den zur Kirche werdenden Denkweisen abgelehnt wurde. Das anfängliche Denken und Diskutieren über Doketismus bzw. Unwirklichkeit (die heute dort anzutreffen ist, wo man einen Wanderprediger zum mystischen Gottesbild machen will) verweist darauf, dass es nicht um den ging, der heute gilt. Wer bereits Marcion unterstellt, er hätte sich nicht auf einen historischen Menschen berufen, der macht klar, dass es am Anfang darum nicht ging.

Zwar kann klar gemacht werden, warum die Abgrenzung und Verneinung der damaligen jüdischen Gottesvorstellung/Gesetzlichkeitslehre durch Marcion (ähnlich wie auch bei Echnaton, dessen Kosmos-/Vernunftkult deswegen in der Kultur wieder schnell völlig vergessen wurde) nicht der Weg war, der kultureller Kreativität entspricht. Aber mit einem Gut- oder Gottmenschen ist bei Marcion so wenig zu machen, wie bei seinen kirchlichen Gegnern. Gerade auch, weil die auch im erneuerten/re-formierten Bund an das Judentum anknüpften, das keinen Menschen als Gott, Gut- oder Gottmenschen als Glaubensgrund möglich macht. Bei Licht betrachtet  (ohne nur Sonntagspredigten auf einen jungen Juden vorauszusetzen, sondern das Wissen um anfängliches Denken auszuwerten), kann keinem der anfänglichen Denker weiter eine Hellenisierung oder christologische Vergötterung dessen unterstellt werden, der heute als historisch gilt.