Mystik: Zeuge der Vernunft

Auf den ersten Blick erscheinen zwischen der mystischen Gotteserfahrung und dem hier vertreten rationalen Verständnis aufgrund schöpferscher Wirk-lichkeit, Tat-Sache in aller Natur, unüberbrückbare Gegensätze. Wie soll der unsagbare Sinn/Grund allen Seins, der sich nur in seinem Wirken, seiner Tat, dem inzwischen in Vernunft/Natur erklärten täglichen Werden zeigt, durch innere Erscheinungen erfahren werden? Was sollen solche persönliche Gotteserfahren, wie sie heute als Mystik beschrieben sind, überhaupt sein, wenn es nicht um eine schöpferische Realität geht, sondern nur eine innere Religiosität spricht?

Doch bei näherer Betrachtung der Mystik im Christentum, Judentum oder dem Islam wird deutlich: Die im christlichen Sinne "rationale" im Logos stattfindende, heute Öko-logie genannt Erklärung der kreativen Wirklichkeit hat weit mehr mit dem zu tun, was Mystiker schauten, als alle jungen Männer und Bücher, auf die sich die monotheistischen Geschwister berufen. Die Funktion, die wie im Mittelalter, in Zeiten fehlender Ratio die persönliche, innere Erfahrung einer schöpferischen Wirklichkeit hatte, kann durch keinen jungen Mann ersetzt worden sein. Vielmehr verweist auch die ohne rationale Erklärung in Mystik gegebene Erfahrung darauf: Die heute in Ökologie erklärte kreative Wirklichkeit, die dann auch sagt, welches Verhalten im schöpferischen Sinne geboten ist, war und ist das eigentliche Thema der so echt monotheistischen Theologie. Selbst aus Jesus einen Mystiker machen zu wollen, funktioniert nicht. Mystik beruft sich weder auf eine Buchgestalt, noch auf einen guten Nachbarn, der auch mystische Erfahrungen hatte. Der heute als Jesus geltenden Kyniker, heute ein Aussteiger "zurück zur Natur" wäre nie der Grund mystischer Erfahrung gewesen. Auch Glaubensgespinste waren nie Thema der Mystik. Vielmehr geht es auch in der Mystik um die Erfahrung einer schöpferischen Wirklichkeit, wie sie seit der neuzeitlichen Aufklärung wieder die wissenschaftliche Vernunft (Evolution oder Ökologie) liefert.

1. Mystik verweist auf den Logos: Die schöpferische Gegenwart in Vernunft

"Sind Mystiker Menschen, die den ganzen Tag Richtung Himmel schauen?" Schon der erste Satz in "Welt und Umwelt der Bibel" in dem theologische und geschichtliche Wissenschaftler unter dem Thema "Mystik in Christentum, Judentum und Islam" die verschiedenen Schöpfungs-Vorstellungen monotheistischer Mystik beleuchten, muss jemand, der sich die schöpferische Wirklichkeit des Himmels jetzt durch die Wissenschaft, beispielsweise als Ökologie des Ganzen erklären lässt, sehr sympathisch machen.

Und wenn die Frage verneint wird, weil Beispiele gebracht werden, wie aus der persönlichen Himmelsschau auch ein engagiert-aktives Leben, Kenntnis der menschlichen Psyche einhergeht, wird klar: Für was sich heute ein Öko-Aktivist engagiert - auch wenn der das derzeit nicht mit den Glaubensvorstellungen auf einen Nenner bringen kann, sich die Menschen nicht im Kult dafür begeistern können - geht es um die nun in Vernunft geschaute schöpferische Wirklichkeit, die für die Mystiker galt.

Die These von Karl Rahner (1904-1984) "Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein, einer der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein" ist verständlich. Doch wir dürfen der Schöpfung dankbar sein, dass wir inzwischen in Vernunft erfahren haben, was im schöpferischen Sinne - ökologisch - geboten ist und wissen, dass wir in dessen gemeinsamer Verant-WORT-ung stehen. Die Erkenntnis eines persönlichen Gottesbild, was immer das dann auch ist, hilft nicht weiter. Doch die war auch nicht wirklich das Thema der großen mystischen Bewusstseinserfahrungen.

Die Mystik erscheint vielmehr als die Ahnung von dem, was im heute Ökologie genannten Monismus offenbar ist. Die Einheit mit einem inneren persönlichen Gottesbild wäre rein religiöse Selbstbefriedigung, war nicht der Sinn und Zweck der Mystik. Die Einheit mit der Schöpfung wird heute von Papst Franziskus "Gott sei Dank" als eine ganzheitliche ökologische Lebensweise als Voraussetzung für die Zukunft genannt und unter dem Beifall der Welt gefordert. Nebenbei: Wo sind in dieser monistisch-offenbaren Schau die Jesus oder Mohammed genannten jungen Männer?